Herzlich Willkommen auf der Seite des Männerrundbriefs – schön, dass du da bist. :-)

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Wir dokumentieren hier alle 18 Ausgaben des Männerrundbriefs von 1993-2002. Einen Text zur Einordnung des MRBs (Männerrundbriefs), findest du hier.

Ausgangspunkt unserer Initiative war ein theaterpädagogisch inspirierter Workshop zur kritischen Auseinandersetzung mit Männlichkeit für männlich Sozialisierte, der im Februar 2017 unter dem Namen Im Zweifel für den Zweifel stattgefunden hat. Im Workshop wurde u.a. deutlich, dass gerade jüngere Generationen den MRB und die in ihm geführten Diskussionen überhaupt nicht mehr kennen. Dabei sind diese teilweise immer noch (erschreckend) aktuell.
Mit dem Online-Stellen kann sich das damals erarbeitete Wissen wieder angeeignet werden. Wir verbinden damit die Hoffnung, dass einige der damaligen Diskussionsstränge wieder aufgegriffen werden, die mit dem Wegbrechen der linksradikalen/autonomen Männerbewegung zunehmend verloren gingen.

Die kritische Auseinandersetzung von heterosexuellen Cis-Männern mit Männlichkeit war schon immer marginal, auch in linken und emanzipatorischen Kontexten. Zugleich wird die Gruppe heterosexueller Cis-Männer seit Jahren sehr erfolgreich von Rechts (von der Esoterik über die konservative Parteienlandschaft bis hin zum Neonazismus) umworben. Kritische Thematisierungen von Männlichkeit, wie sie damals u.a. im MRB geführt wurden, können ein Gegengewicht zu rechter und maskuli(ni)stischer Identitätspolitik sein. Bereits 2002 hieß es in der letzten Ausgabe des MRB: „Eine Zeitung wie der MRB wäre eigentlich nötiger denn je, da der patriarchale Rollback (…) in vielen Bereichen heftiger geworden ist.“ (MRB 17, S. 9) Diese Situation hat sich heutzutage deutlich verschärft. Vor diesem Hintergrund finden wir die kritische Auseinandersetzung mit Männlichkeit nicht nur allgemein im Rahmen gesellschaftlicher Emanzipationsbestrebungen und (Selbst-)Befreiungspotenzialen sinnvoll, sondern auch aufgrund weltweiter Remaskulinisierungsbestrebungen und des aggressiven Kampfs gegen (Queer-)Feminismus und ‚Genderismus‘ notwendiger denn je.

Wir dokumentieren auch den Auflösungstext der Münsteraner MRB-Redaktion und haben eine Linkliste zu thematisch naheliegenden Websites erstellt. Unter anderem bietet queer_topia* einführende und weiterführende Workshops zum Thema kritische ‎Männlich*keiten an.

Wer uns kontaktieren möchte oder Ergänzungen, Hinweise etc. hat, kann das gerne hier tun.
Wir freuen uns, wenn diese Seite bekannt gemacht wird und wünschen euch viel Spaß beim Lesen, diskutieren und weiterverbreiten.

Männerrundbrief is online

Dear all,

we document here all 18 issues of the ‚Männerrundbrief‘ (newsletter for men). Also, we invited a former editor of the newsletter to present and classify its main ideas. We also document the final statement published in 2002 and set up a list of online resources dealing with masculinity.

The Männerrundbrief was published by left-wing radical men in Germany in 1993 for the first time. On the one hand, the starting point was an increasing and stronger debate about sexism, heterosexism, patriarchal structures, concrete accusations of rape or outings of rapists within radical communities. On the other hand, the steady growth of the small men’s movement contributed to the emergence of the newsletter.

The Männerrundbrief informed about a huge variety of topics such as (hetero-)sexism, (homo- and hetero-)sexuality, pornography, patriarchy, male violence, racism, classism, pedagogy, antimilitarism, left- and right-wing men’s movements, research around masculinity, therapy and intimacy between men.

We have the impression that younger generations are not familiar any more with the newsletter and the discussions in it. However, some of these debates are still (alarmingly) relevant and up to date.
By uploading the newsletter, the knowledge is now available to a broader audience. We hope that this opens up new opportunities to continue debates that have been neglected after the disappearance of the radical autonomous men’s movement.

Critical engagement with masculinity by cis-men has always been marginal, even within left-wing and emancipatory contexts. At the same time heterosexual cis-men are addressed quite successfully from right-wing ideology and initiatives (ranging from esoteric groups to conservative parties and neo-Nazi organizations). Critical reflections on masculinity, that also have been elaborated on in the Männerrundbrief, can act as a counterbalance against right-wing and masculinist identity politics.

Feel free to forward this and spread the word.
We hope you enjoy reading and discussing the Männerrundbrief.

Der Männerrundbrief – Neun Jahre Selbstverständigungsorgan der autonomen Männerbewegung

Der erste Männerrundbrief stammt noch aus einer Zeit, in der die Postleitzahlen vierstellig waren und Exemplare per Postkarte bestellt werden mussten. Das Projekt meldete sich erstmalig im Juli 1993 und ging auf eine Initiative von fünf Männern zurück, die auf den Männerplena der Libertären Tage Ostern 1993 in Frankfurt am Main nach dem Interesse an einem antisexistischen Männerrundbrief fragten. In unregelmäßigen Abständen erschienen bis 2002 insgesamt 17 Ausgaben und eine Sondernummer. Der Männerrundbrief wurde lange Zeit von einer Gruppe autonomer Männer aus Hamburg getragen und wurde ab 1999 mit der Nr. 12 von einem Redaktionskollektiv in Münster weitergeführt. Nach sechs Ausgaben stellten die Männer aus Münster 2002 den Rundbrief ein, nicht zuletzt – so das Argument in der entsprechenden Erklärung – weil die profeministische Männergruppenszene verschwunden sei.

Der Männerrundbrief wurde von ‚radikalen‘ Männern initiiert. Ausgangspunkt seiner Entstehung waren einerseits eine zunehmende und vehementere Thematisierung von Sexismus, Homofeindlichkeit und patriarchalen Strukturen und konkrete Vergewaltigungsvorwürfe bzw. Outings von Vergewaltigern innerhalb der linksradikalen Szene sowie andererseits eine kleine, aber stetig wachsende Männerbewegung. Die radikale Männerbewegung war zahlenmäßig keine besonders große Bewegung, war mehrheitlich von akademischen, weißen, deutschen, heterosexuellen Cis-Männern getragen und organisierte sich in Form von Politgruppen, Cafés oder im Rahmen von sogenannten Männer-Radikale-Therapie (MRT)-Gruppen. Zu der sich ebenfalls gestaltenden politischen Organisation schwuler und bisexueller Männer und der Zeitschrift ‚Tuntentinte‘ und zu späteren Queer- und Transbewegungen bestanden eher lose Bezüge.

Die radikale Männerbewegung positionierte sich in Abgrenzung zur ‚bürgerlichen‘ Männerbewegung explizit als ‚profeministisch‘, wie sich beispielsweise in der Titelergänzung des ersten Rundbriefs zeigt, wenngleich die zweite Ausgabe auf diesen Zusatz verzichtete, um die Eigenständigkeit von Männerpositionen innerhalb politischer Diskussionen über Geschlechterfragen und Ungleichheitsverhältnisse kenntlich zu machen. Umstritten war, ob profeministische Männer überhaupt eigenständige Positionen formulieren können oder sollen oder ob nicht der Anspruch in der Übernahme und Stärkung feministischer Positionen von Frauen zu liegen hätte, wenngleich sich diese zweite Position nicht durchsetzen konnte. Der Männerrundbrief wollte einen Beitrag dazu leisten, kenntlich zu machen, dass Männlichkeit und Männerverhalten Teil von hierarchischen Geschlechter- und Gesellschaftsverhältnissen sind und kein ‚Nebenwiderspruch‘, wie dies in kapitalismuskritischen, marxistischen Positionen (nicht nur) jener Zeit vertreten wurde. Später wurde dann mit Zusätzen zum Namen „Männerrundbrief“ experimentiert und beispielsweise „profeministisch“ oder „antisexistisch“ phasenweise wiederaufgenommen; auch wurden Untertitel wie „das lustige Magazin für den modebewußten Mann“ oder „Rotzfrech radikal“ verwendet. In der ersten Ausgabe gab es einen Aufruf für einen Namen („also wir haben uns halt nicht zwischen mackerkurier, fratzenmacher, mänoholic, mannamanna und emanzipator entscheiden können“), wobei es bei „Männerrundbrief“ blieb.

Mit der Bezugnahme auf Männer schwang immer das Problem einer Festschreibung biologischer Natürlichkeit von Geschlechtern mit, womit eine der theoretischen Schwierigkeiten deutlich wird, die sich auch in der Frauenbewegung zeigt. Darüber hinaus kann die Festschreibung vermeintlicher biologischer Natürlichkeit dazu dienen, Männlichkeiten nicht als gesellschaftliche Herrschaftsstruktur zu verstehen, sondern als ‚Individualproblem‘ von Männern. Zwar finden sich im Männerrundbrief über die Zeit hinweg immer wieder Papiere, die genau dies problematisieren; die Tatsache, dass diese Diskussion allerdings immer wieder aufflammte, verweist auf die Schwierigkeit dieser Konzentration auf Männer. In Zusammenhang damit wurde immer wieder die Gefahr einer Rezentrierung auf Männer/Männlichkeit gerade durch Formate wie den Männerrundbrief diskutiert. Allerdings betonte das Redaktionskollektiv wiederholt, dass sich der Fokus zwar auf Männlichkeiten richtet, dies aber nicht zu einer permanenten Wiederholung und Rezentrierung führe, da Männlichkeit explizit thematisiert wird und das in kritisch-dekonstruktiver Absicht.

Über die Jahre hinweg bemühte sich der Rundbrief im Wesentlichen zwei Zielen gerecht zu werden. Zum ersten sollten – darauf deutet auch die enge Verzahnung der Gründungsgeschichte mit dem Männer-Medienarchiv in Hamburg hin – Aktivitäten und Positionen der radikalen Männerbewegung dokumentiert werden. Entsprechend sind in jedem Rundbrief Texte abgedruckt, die sich auf diesen Dokumentationsanspruch beziehen. Dazu gehören Bekenner*innenschreiben zu antimilitaristischen Aktionen ebenso wie Diskussionen über den Umgang mit Vergewaltigern oder Flugblätter zu sexistischen Übergriffen auf Demonstrationen. Zum zweiten versuchte das Redaktionskollektiv, politische Diskussionen zu initiieren und voranzutreiben, sei es durch eigene Beiträge oder durch thematische Schwerpunktsetzungen wie etwa „Jungenarbeit“ oder „Männer und Knast“. Inhaltlich griff der Männerrundbrief insbesondere Themen auf, die sich mit (Hetero-)Sexismus, (Homo- und Hetero-)Sexualität, Pornografie, Patriarchat, Männergewalt, Rassismus, Klassismus, Pädagogik, Antimilitarismus, linken und rechten Männerbewegungen, Männlichkeitsforschung, Therapie und Nähe zwischen Männern beschäftigen, wobei das zentrale politische Betätigungsfeld die autonome, linksradikale Szene selber war. So waren Fragen von der persönlichen Verstrickung in unterdrückende Verhältnisse und intersektionale Verflechtungen von Herrschaft von großer Bedeutung.
Während das Archiv für die Arbeit des Redaktionskollektivs zunehmend weniger wichtig wurde, bildete der Männerrundbrief in der Zeit seines Bestehens eine der wichtigsten überregionalen Strukturen der radikalen Männerszene. Er war Zeit seines neunjährigen Bestehens immer ein selbstorganisiertes Projekt ohne Ressourcen. Zusammenstellung von Beiträgen, Erstellung des Layouts, Vertrieb und Kontoführung wurden von dem jeweiligen Redaktionskollektiv getragen. Die Anzahl der Exemplare pro Ausgabe blieb die gesamte Zeit im übersichtlichen dreistelligen Bereich.

Parallel zum Männerrundbrief wurden mehrere Versuche unternommen, über bundesweite und überregionale Treffen ebenfalls zu einer verstärkten Vernetzung beizutragen und so die inhaltlichen Debatten verstärkt voranzutreiben. Letztendlich blieben aber auch diese Bemühungen erfolglos. Die radikale Männerszene reagierte vor allem im Zusammenhang mit der Thematisierung von Sexismus und Patriarchat innerhalb der eigenen Szenen. Eigenständige Themensetzungen oder Wirkungen über die autonome Szene hinaus konnten mit wenigen Ausnahmen von der radikalen Männerbewegung kaum entfaltet werden.

Einer aus dem Hamburger Redaktionskollektiv

Der profeministische Männerrundbrief gibt auf

Wir haben im Zusammenhang mit dem Ende der linksradikalen Männergruppenszene das Erscheinen des Männerrundbriefs eingestellt. Schade. Im Männerrundbrief sind u.a. die Sexismus-Diskussionen der letzten 10 Jahre enthalten.

Schade. Die Camps in diesem Sommer mit ihren sexistischen Übergriffen (in Straßbourg und Jena) haben deutlich gemacht, weshalb in den 70ern bis weit in die 90er hinein sich Männergruppen mit antisexistischen Anspruch bildeten. Heute gibt es solche Gruppen nicht mehr (siehe Artikel „Zum Verschwinden der antisexistischen Männergruppenszene“). Und damit macht auch die Fortführung des profeministischen Männerrundbriefs keinen Sinn mehr. Wenngleich – the future is unwritten – absehbar ist, dass irgendwann eine ähnliche Diskussionsplattform entstehen wird. Schließlich hat sich an den gewalttätigen patriarchalen Verhältnissen in dieser Gesellschaft nicht viel geändert.

Als Redaktion sind wir über diese Entwicklung nicht gerade glücklich. Vor einigen Jahren hatte bereits die hamburger Redaktion aufgegeben. Nun ist es endgültig vorbei. Dennoch wäre eine Diskussionsplattform wichtig, denn bereits Ende der 80er gab es ein Papier aus Bielefeld, in dem sich die AutorInnen darüber beschwerten, dass in „Sexismusdiskussionen“ immer alles von Anfang an „durchgedibbert“ werden muss, als hätte es vorher nie Auseinandersetzungen zu diesem Thema gegeben.

Indem wir den Männerrundbrief einstellen, verschwinden auch die alten Ausgaben in die Dunkelheit. Es wäre nicht gut, wenn diese Ausgaben im Keller eines einzigen Infoladens verrotten. Schließlich ist der Männerrundbrief nicht irgendeine Zeitung gewesen, sondern das Dokumentations- und Diskussionsblatt eines wichtigen Teiles der linksradikalen Szene. Wer noch einige Ausgaben haben möchte, kann sie bei uns bestellen (zur „Fußballdiskussion“ beispielsweise, die gerade auf indymedia läuft, gab es da auch Artikel).

Schwarze Feder
19.09.2002