Der Männerrundbrief – Neun Jahre Selbstverständigungsorgan der autonomen Männerbewegung

Der erste Männerrundbrief stammt noch aus einer Zeit, in der die Postleitzahlen vierstellig waren und Exemplare per Postkarte bestellt werden mussten. Das Projekt meldete sich erstmalig im Juli 1993 und ging auf eine Initiative von fünf Männern zurück, die auf den Männerplena der Libertären Tage Ostern 1993 in Frankfurt am Main nach dem Interesse an einem antisexistischen Männerrundbrief fragten. In unregelmäßigen Abständen erschienen bis 2002 insgesamt 17 Ausgaben und eine Sondernummer. Der Männerrundbrief wurde lange Zeit von einer Gruppe autonomer Männer aus Hamburg getragen und wurde ab 1999 mit der Nr. 12 von einem Redaktionskollektiv in Münster weitergeführt. Nach sechs Ausgaben stellten die Männer aus Münster 2002 den Rundbrief ein, nicht zuletzt – so das Argument in der entsprechenden Erklärung – weil die profeministische Männergruppenszene verschwunden sei.

Der Männerrundbrief wurde von ‚radikalen‘ Männern initiiert. Ausgangspunkt seiner Entstehung waren einerseits eine zunehmende und vehementere Thematisierung von Sexismus, Homofeindlichkeit und patriarchalen Strukturen und konkrete Vergewaltigungsvorwürfe bzw. Outings von Vergewaltigern innerhalb der linksradikalen Szene sowie andererseits eine kleine, aber stetig wachsende Männerbewegung. Die radikale Männerbewegung war zahlenmäßig keine besonders große Bewegung, war mehrheitlich von akademischen, weißen, deutschen, heterosexuellen Cis-Männern getragen und organisierte sich in Form von Politgruppen, Cafés oder im Rahmen von sogenannten Männer-Radikale-Therapie (MRT)-Gruppen. Zu der sich ebenfalls gestaltenden politischen Organisation schwuler und bisexueller Männer und der Zeitschrift ‚Tuntentinte‘ und zu späteren Queer- und Transbewegungen bestanden eher lose Bezüge.

Die radikale Männerbewegung positionierte sich in Abgrenzung zur ‚bürgerlichen‘ Männerbewegung explizit als ‚profeministisch‘, wie sich beispielsweise in der Titelergänzung des ersten Rundbriefs zeigt, wenngleich die zweite Ausgabe auf diesen Zusatz verzichtete, um die Eigenständigkeit von Männerpositionen innerhalb politischer Diskussionen über Geschlechterfragen und Ungleichheitsverhältnisse kenntlich zu machen. Umstritten war, ob profeministische Männer überhaupt eigenständige Positionen formulieren können oder sollen oder ob nicht der Anspruch in der Übernahme und Stärkung feministischer Positionen von Frauen zu liegen hätte, wenngleich sich diese zweite Position nicht durchsetzen konnte. Der Männerrundbrief wollte einen Beitrag dazu leisten, kenntlich zu machen, dass Männlichkeit und Männerverhalten Teil von hierarchischen Geschlechter- und Gesellschaftsverhältnissen sind und kein ‚Nebenwiderspruch‘, wie dies in kapitalismuskritischen, marxistischen Positionen (nicht nur) jener Zeit vertreten wurde. Später wurde dann mit Zusätzen zum Namen „Männerrundbrief“ experimentiert und beispielsweise „profeministisch“ oder „antisexistisch“ phasenweise wiederaufgenommen; auch wurden Untertitel wie „das lustige Magazin für den modebewußten Mann“ oder „Rotzfrech radikal“ verwendet. In der ersten Ausgabe gab es einen Aufruf für einen Namen („also wir haben uns halt nicht zwischen mackerkurier, fratzenmacher, mänoholic, mannamanna und emanzipator entscheiden können“), wobei es bei „Männerrundbrief“ blieb.

Mit der Bezugnahme auf Männer schwang immer das Problem einer Festschreibung biologischer Natürlichkeit von Geschlechtern mit, womit eine der theoretischen Schwierigkeiten deutlich wird, die sich auch in der Frauenbewegung zeigt. Darüber hinaus kann die Festschreibung vermeintlicher biologischer Natürlichkeit dazu dienen, Männlichkeiten nicht als gesellschaftliche Herrschaftsstruktur zu verstehen, sondern als ‚Individualproblem‘ von Männern. Zwar finden sich im Männerrundbrief über die Zeit hinweg immer wieder Papiere, die genau dies problematisieren; die Tatsache, dass diese Diskussion allerdings immer wieder aufflammte, verweist auf die Schwierigkeit dieser Konzentration auf Männer. In Zusammenhang damit wurde immer wieder die Gefahr einer Rezentrierung auf Männer/Männlichkeit gerade durch Formate wie den Männerrundbrief diskutiert. Allerdings betonte das Redaktionskollektiv wiederholt, dass sich der Fokus zwar auf Männlichkeiten richtet, dies aber nicht zu einer permanenten Wiederholung und Rezentrierung führe, da Männlichkeit explizit thematisiert wird und das in kritisch-dekonstruktiver Absicht.

Über die Jahre hinweg bemühte sich der Rundbrief im Wesentlichen zwei Zielen gerecht zu werden. Zum ersten sollten – darauf deutet auch die enge Verzahnung der Gründungsgeschichte mit dem Männer-Medienarchiv in Hamburg hin – Aktivitäten und Positionen der radikalen Männerbewegung dokumentiert werden. Entsprechend sind in jedem Rundbrief Texte abgedruckt, die sich auf diesen Dokumentationsanspruch beziehen. Dazu gehören Bekenner*innenschreiben zu antimilitaristischen Aktionen ebenso wie Diskussionen über den Umgang mit Vergewaltigern oder Flugblätter zu sexistischen Übergriffen auf Demonstrationen. Zum zweiten versuchte das Redaktionskollektiv, politische Diskussionen zu initiieren und voranzutreiben, sei es durch eigene Beiträge oder durch thematische Schwerpunktsetzungen wie etwa „Jungenarbeit“ oder „Männer und Knast“. Inhaltlich griff der Männerrundbrief insbesondere Themen auf, die sich mit (Hetero-)Sexismus, (Homo- und Hetero-)Sexualität, Pornografie, Patriarchat, Männergewalt, Rassismus, Klassismus, Pädagogik, Antimilitarismus, linken und rechten Männerbewegungen, Männlichkeitsforschung, Therapie und Nähe zwischen Männern beschäftigen, wobei das zentrale politische Betätigungsfeld die autonome, linksradikale Szene selber war. So waren Fragen von der persönlichen Verstrickung in unterdrückende Verhältnisse und intersektionale Verflechtungen von Herrschaft von großer Bedeutung.
Während das Archiv für die Arbeit des Redaktionskollektivs zunehmend weniger wichtig wurde, bildete der Männerrundbrief in der Zeit seines Bestehens eine der wichtigsten überregionalen Strukturen der radikalen Männerszene. Er war Zeit seines neunjährigen Bestehens immer ein selbstorganisiertes Projekt ohne Ressourcen. Zusammenstellung von Beiträgen, Erstellung des Layouts, Vertrieb und Kontoführung wurden von dem jeweiligen Redaktionskollektiv getragen. Die Anzahl der Exemplare pro Ausgabe blieb die gesamte Zeit im übersichtlichen dreistelligen Bereich.

Parallel zum Männerrundbrief wurden mehrere Versuche unternommen, über bundesweite und überregionale Treffen ebenfalls zu einer verstärkten Vernetzung beizutragen und so die inhaltlichen Debatten verstärkt voranzutreiben. Letztendlich blieben aber auch diese Bemühungen erfolglos. Die radikale Männerszene reagierte vor allem im Zusammenhang mit der Thematisierung von Sexismus und Patriarchat innerhalb der eigenen Szenen. Eigenständige Themensetzungen oder Wirkungen über die autonome Szene hinaus konnten mit wenigen Ausnahmen von der radikalen Männerbewegung kaum entfaltet werden.

Einer aus dem Hamburger Redaktionskollektiv

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